Dentale Sedierung mit Lachgas – auch in der Implantologie sinnvoll – II
Pharmakologie
Lachgas ist eines der wenigen Pharmaka, die nicht allergen sind. Es wird nicht metabolisiert und wird unverändert über die Lunge und Haut wieder ausgeschieden. In den 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts fanden Forscher bei Poliopatienten, die teilweise über Monate mit Lachgas beatmet wurden, chemische Reaktionen mit Vitamin B12 und eine dazugehörende megaloblastische Anämie. Dies wurde später auch bei kardiochirurgischen Patienten gefunden, die mit Lachgas langzeitbeatmet wurden (Amess et al. 1978). Diese älteren Studien sind heutzutage noch insofern relevant, als dass es sinnvoll ist, die Arbeitsplatzbelastung gering zu halten. Alle modernen Lachgasgeräte besitzen deshalb ein Absaugsystem, damit überschüssiges Gas nicht in die Raumluft gerät. Weitere Maßnahmen sind die Sprechanteile der Patienten während der Behandlung gering zu halten und für eine ausreichende Raumbelüftung zu sorgen (Whitcher et al. 1977, 2008).
Lachgas ist das schwächste inhalative Anästhetikum. In der Zahnmedizin wird es als Sedativum eingesetzt, hat jedoch auch eine analgetische Wirkung, die bei einer Konzentration von 20% N2O und 80% Sauerstoff ca. 15mg Morphin subkutan entspricht (Chapman et al. 1943). Analgesie und Euphorie erinnern an die Wirkung eines Opiates, und tatsächlich wirkt es teilweise durch eine Endorphinausschüttung (Chapman et al. 1943). Die anxiolytische Wirkung ist ähnlich wie bei einem Benzodiazepin und beruht wahrscheinlich auf der Wirkung an Untereinheiten des Gaba-A-Rezeptors (Berkowitz et al. 1977).
Wirkung auf die Atmung
Die Beeinträchtigung der Atmung durch Lachgas ist gering und im klinischen Alltag bei gesunden Patienten nicht von Bedeutung (Dunn-Russell et al. 1993). Es sind dabei drei Dinge zu beachten:
1. Der Zahnarzt wird mit geringen Lachgaskonzentrationen (10% Lachgas/90% Sauerstoff) beginnen und die Dosis langsam steigern, bis der Patient angenehm sediert ist (Abb. 1). Diese Technik der „Titration“ verhindert sicher und vielfach erprobt eine relative Überdosierung. Als Faustregel für dieses Verfahren hat sich eine Dosissteigerung von 10% Lachgas pro Minute bewährt:
Der Zahnarzt verabreicht eine Minute lang 0% Lachgas/100% Sauerstoff, nach einer Minute 10% Lachgas/90% Sauerstoff, nach einer weiteren Minute 20% Lachgas/80% Sauerstoff usw.
Das langsame Herantasten an den individuellen Bedarf des Patienten – eine Standardtechnik auch in der intravenösen Sedierung – stellt die optimale Dosierung sicher. In der Regel werden die meisten Patienten Konzentrationen bis zu 50% Lachgas und 50% Sauerstoff benötigen. Einige wenige Patienten werden höhere Konzentrationen bis zu 70% Lachgas als optimal empfinden. In früheren Jahren war es üblich, höhere Lachgaskonzentrationen zu geben, zum Teil 80% bis zu kurzzeitig 100%. Heute weiß man jedoch, dass längerfristiges Verabreichen einer zu hohen Lachgaskonzentration zu Komplikationen führen kann. Alle modernen Applikationsgeräte verfügen deshalb über eine so genannte „Lachgassperre“, die versehentliches Überdosieren unmöglich macht. Durch die Lachgassperre wird der Lachgasanteil auf maximal 70% begrenzt und somit immer eine Sauerstoffkonzentration von 30% gewährleistet.
Bedenkt man, dass die Sauerstoffkonzentration in der Luft 21% beträgt, erhält der mit Lachgas sedierte Patient somit immer mindestens 1,5 mal so viel Sauerstoff wie unter normalen Raumbedingungen.
2. Implantatpatienten, die mit Lachgas sediert werden, erleben eine Bewusstseinsveränderung im Sinne einer Sedierung, verlieren ihr Bewusstsein jedoch nicht. Die „fehlende“ Bewusstlosigkeit unterscheidet die Lachgassedierung von der Vollnarkose und ist der Grund, weshalb der Zahnarzt keinen Anästhesisten zur Durchführung benötigt. Die Atemwegsreflexe bleiben stets erhalten und der Patient ist zu jedem Zeitpunkt kommunikationsfähig. Der Patient bleibt in der Lage, den Mund offen zu halten, was ein guter Indikator für den Erhalt des Bewusstseins ist. Sollte der Patient nicht in der Lage sein, den Mund selbstständig offen zu halten, sollte der Zahnarzt umgehend die Lachgaskonzentration reduzieren, da in diesem Fall eine Überdosierung vorliegen könnte.
3. Die optimale Lachgaskonzentration ist individuell sehr unterschiedlich und wird von der psychologischen Akzeptanz des Patienten für die Sedierungstiefe bestimmt. Das Maß aller Dinge ist die Zufriedenheit des Patienten. Der Zahnarzt sollte deshalb die Lachgaskonzentration graduell nach oben titrieren, bis der Patient angibt, dass die Sedierungstiefe für ihn so in Ordnung ist. Höhere Konzentrationen würde der Patient als unangenehm empfinden und somit eine relative Überdosierung darstellen.
Beachtet der Zahnarzt diese drei Punkte bei sonst gesunden Patienten, stellt er sicher, dass es zu keiner Beeinträchtigung der normalen Atmung durch die Lachgassedierung kommt.